Feminismus und Mutterschaft im Netz

Der folgende Text ist zuerst in der Zeitschrift news – Gender.Politik.Universität der TU Berlin erschienen (mit anderer Überschrift).

Verhandlungen von Feminismus und Mutterschaft in Blogs

Sommer 2010. Ich sitze im Badezimmer und sehe auf einen schmalen Streifen. Dieser Streifen sagt mir grade, dass ich schwanger bin. Schön, ich freue mich. Aber gleichzeitig hab ich viele Fragen die unmittelbar auftauchen und ich weiß nicht, wem ich sie stellen kann: Ich bin 30 und in meinem Freundeskreis die Erste die schwanger ist.

Ich meine Fragen, die mich als Feministin umtreiben: Wie fair wird die Arbeitsaufteilung zwischen meinem Partner und mir wo er doch mehr verdient als ich, was wird meine Arbeitgeberin sagen und werde ich von Biologismen überrollt, wo doch jetzt „die Hormone“ über mich regieren?

Ich wendete mich an die Bibliothek und finde Elisabeth Badinter und Barbara Vinken. Der Tenor: Die deutschen Mütter sind irgendwie speziell, aber nicht im positiven Sinne. Zwar werden all die Hürden genannt, warum so wenig Kinder in Deutschland unter drei Jahren in außerhäusiger Betreuung sind und so wenige Mütter – im Vergleich zu Positivbeispielen wie Schweden oder Frankreich – Vollzeit arbeiten. Aber zwischen den Zeilen lese ich: Wer sein Kind nicht gleich abstillt und 10 Stunden am Tag in die Krippe gibt um schnellstmöglich zurück an den Arbeitsplatz zu kehren, di_er lebt „Folklore“.

Soll das feministische Mutterschaft sein? Ich wollte Zeit mit meinem Kind, meinem Partner UND meiner beruflichen Selbstverwirklichung verbringen. Das kann doch nicht so schwer sein. Dachte ich.

Weil mir also niemand meine Fragen beantworten konnte…schrieb ich sie selber ins Internet. Da es inzwischen technisch recht einfach war einen Blog aufzusetzen wählte ich dieses Medium.

Ich nannte mein Blog „glücklich scheitern“, denn das Scheitern als Mutter – so war ich sicher – war mir Gewiss. Die Hoffnung glücklich zu werden oder zu sein war aber ebenso da.

Die Nische der „Mamablogs“ war noch überschaubar.

Heute dagegen gibt es Tausende und sie sind thematisch so verschieden, wie es Mütter eben sind. Von DIY und Rezepten über Erziehungsstile bis zu Themen wie Vereinbarkeit, Karrieretipps oder Reisen mit Kindern. Es gibt Tagebuchblogs, die fast täglich einen kleinen Bericht über den vergangenen Tag schreiben, Lifestyleblogs mit den schicksten Outfits für Mama und Kind und Ratgeberblogs zu den unterschiedlichsten Bereichen: Stillen und Säuglingspflege, Erziehungsthemen, Schule und Freilernen oder einem naturnahen Leben mit Kindern.

Mutterschaft sichtbar machen – das Private ist Politisch

Warum schreiben Mütter Blogs und was davon hat mit Feminismus zu tun? Lange Zeit war das Mutterwerden und –sein mit einem Verschwinden aus dem öffentlichen Leben gleichgesetzt. Frauen unterbrachen ihre Lohnarbeit für eine längere Zeit und nahmen seltener am öffentlichen Leben teil. Ihre Stimme wurde in der Politik kaum gehört, was in den letzten Jahren besonders daran sichtbar wurde, wie wenig Familienpolitik mit den Bedürfnissen und Lebensrealitäten von Familien zu tun haben.  

Blogs ermöglichen Müttern, sich Gehör zu verschaffen. Manche finden nur wenige Leser_innen, andere machen riesige Wellen, die es bis ins Fernsehen schaffen, wie die Aktion „Muttertagswunsch“ der Bloggerinnen von mutterseelesonnig und mama-arbeitet.

Im April diesen Jahres lädt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gezielt Familienblogger_innen zu einem „Blogger-Café“ ein um herauszufinden, wie durch Digitalisierung von Verwaltung und co. Familien das Leben erleichtert werden kann.

Kurz: Auf der einen Seite werden Mamablogs für ihre Niedlichkeit, ihre Rezepte und selbstgemachten Kinderklamotten belächelt. Auf der anderen Seite haben sie sich einen Raum geschaffen, in dem aktuelle Debatten & Diskurse aufgenommen, diskutiert und losgetreten werden und die in der Politik einen Stellenwert gewinnen.

Einige Bloggerinnen beziehen sich ganz selbstbewusst auf das alte Credo „Das Private ist Politisch“. So schreibt zum Beispiel die Bloggerin Carola:

„Die Art, wie ich mit meiner Familie hier und heute in Deutschland lebe, ist Ausdruck der Politik in diesem Land. Gesetze und ihre Auswirkungen sind unser aller Alltag. Politik greift in unser Familienleben ein, ob wir es wollen, oder nicht.“

Und macht anhand einiger Beispiele deutlich, wo Familien von politischen Entscheidungen betroffen sind und welche Auswirkungen das hat.

Die individuelle Bedeutung des Bloggens als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung im Ausdruck mit Schrift und Sprache und ja, auch zum Geldverdienen beschreibt Sonja:

„Egal welche Art Blog sie führen, weibliche Bloggerinnen drücken sich aus, verleihen ihrem Hobby, ihrer Leidenschaft, ihrem designerischen, erzieherischen oder kochenden Können Ausdruck. Sie ver-professionalisieren sich.“

Professionalisierung meint hier auch: wirtschaftliche Bedeutung. Inzwischen gibt es einige Mamabloggerinnen, die aus ihrem Blog ein Business gemacht haben und mit Unternehmenskooperationen und Werbung Geld verdienen. Und zwar ausreichend, um davon zu leben (auch wenn das nur für eine überschaubare Zahl gilt).

Tatsächlich lassen sich auch feministische Anliegen in diesen Blogs durch Werbung monetarisieren. So finden sich Werbekampagnen für die Pille danach, Frauenhilfsorganisationen oder Schönheitsprodukte, deren Hersteller Workshops für Mädchen organisieren um deren Körperwahrnehmung zu stärken.

Welche Themen relevant sind entscheiden nicht mehr Mainstreammedien wie Fernsehen und Zeitungen. Sondern die Blogger_innen selber.

Und somit schließt die Autorin des Blogs AufZehenspitzen zur Frage der Trivialität von Mamablogs:

„Sicher, nicht jedes Cupcake-Rezept geht über ein Cupcake-Rezept hinaus und nicht jede Trotzerlebnis-Nacherzählung ist mehr als eine Trotzerlebnis-Nacherzählung. Aber das Gejammere um nicht vom Mann/Lebensgefährten/Freund miterledigte Hausarbeit, die Klagen um nicht erhaltene Kinderbetreuungsplätze, das Schimpfen auf ausbleibende Unterhaltszahlungen vom Ex-Partner und der Austausch von schlechten Geburtserfahrungen – das alles ist ganz und gar nicht trivial.“

Von Care- und Lohnarbeit bis zu #selbstgeboren und #regrettingmotherhood

Auch wenn längst nicht jeder Mamablog explizit feministisch ist, werden in vielen feministische Themen aufgegriffen. Der Klassiker ist die Arbeitsteilung bei Hetero-Elternpaaren: Hier werden die Aushandlung von Elternzeit und anschließender Aufteilung der Lohnarbeit thematisiert und öffentlich gemacht. Das hier besonders viel „Sprengstoff“ liegt zeigt sich auch an der großen Zahl von Leser_innenkommentaren unter den entsprechenden Beiträgen: Nahezu alle Paare erleben eine große Differenz zwischen ihren Wunschvorstellungen und der dann eintretenden Realität. Nicht überraschend ist, dass meist die Mütter im Bereich Lohnarbeit kürzer treten.

Da die Bloggerinnen untereinander meist gut vernetzt sind, werden brisante Themen schnell aufgegriffen und es können einige Dutzend Artikel aufgrund einer Ausgangsnachricht entstehen: 2014 gab es den Aufruf einer Hebamme, ein Buch mit Geschichten von Geburten zu veröffentlichen, denen sie den Hashtag #selbstgeboren zuordnete. „Selbstgeboren“ sollte heißen: Ohne Manipulation von Außen, durch  Eingriffe wie Einleitung der Wehen, Schmerz- und Betäubungsmittel oder Kaiserschnitt.

Da dies nur auf ca. 8 Prozent aller Geburten zutrifft, ist es nicht verwunderlich, dass es vielen Müttern auf dem Herzen lag darauf hinzuweisen, dass sie dennoch alle ihre Kinder selbst geboren haben. Schließlich hat ihnen keine_r die Geburt abgenommen, die anwesende Hebamme nicht, der Anästhesist der die PDA gelegt hat nicht und selbst die Ärztin, die den Kaiserschnitt durchführte nicht. Neben dieser persönlichen Sicht auf den Geburtsmodus stellten viele Bloggerinnen auch die Frage nach den Bedingungen für selbstbestimmte Geburten: Das Gesundheitssystem, der Hebammenmangel und die eingeschränkte Wahl des Geburtsortes.

Aktuell schreiben Mamabloggerinnen unter #ohneHebamme über die Dystopie einer Welt ohne Geburtsbegleitung durch Hebammen.

Die Wahl von Geburtsort und –modus sind von jeher ein feministisches Thema und werden auch in den Mamablogs auf vielfältige Weise besprochen.

Eine weitere Flut von Texten fand ihren Niederschlag unter dem Hashtag #regrettingmotherhood: Die Studie einer israelischen Wissenschaftlerin, in der sie Mütter interviewte, die ihre Mutterschaft bereuen. Daraus entspann sich in der Mamabloggerszene eine Folge von Texten über die Ambivalenzen von Mutterschaft – die aber gleichzeitig wieder das gesellschaftliche Tabu zeigten, wirklich von Reue im Zusammenhang mit Mutterschaft zu sprechen.

Auch netzfeministische Debatten wie #aufschrei finden ihren Niederschlag in Mamablogs, einige berichten ebenfalls über ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, andere schreiben darüber, dass sie sich für ihre Töchter eine Welt ohne Sexismus wünschen.

Die „rebellische“ Hausfrau oder Abgrenzungen zum Feminismus

Ist nun jede Mutter die bloggt Feministin oder hat zumindest ein positives Verhältnis zum Feminismus? Jein.

In einigen Blogs wird auch das Unwohlsein mit „feministischen“ Forderungen betrachtet und diskutiert. Feminismus wird hier als Abgrenzungsfolie verwendet, dem man seinen eigenen Lebensentwurf gegenüberstellt.

So schreiben Mütter, die sich für eine längere Zeit von ihrer Lohnarbeit abwenden um sich ganz der Familienarbeit zu widmen über die Probleme, die sie mit „dem“ Feminismus haben (siehe zum Beispiel die Blogparade hier).

Spannend ist dabei die Argumentation: Meist bedankt man sich brav beim Feminismus für die erbrachten Kämpfe um dann festzustellen, dass dieser zu weit geht, wenn von Müttern erwartet wird, dass sie schnellstmöglich nach einer Geburt wieder arbeiten gehen und ihre Kinder in die „Fremdbetreuung“ geben.

Interessant ist die Selbstwahrnehmung von Hausfrauen als „Ausnahme“. Wenn man in die Statistiken schaut, werden selbst in Regionen mit gut ausgebauter Kinderbetreuung grad 60% der Kinder unter drei Jahren betreut. In anderen Regionen sind es überhaupt nur 14% der Kinder unter drei.

Abschluss

Die Zahl der Mamablogs wächst stetig. Hinter ihnen stecken Haufrauen, Working Moms, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien, Co-Parents, Mütter mit Handicap, Feministinnen und solche, die Feminismus für überholt halten.  

Mütter erschreiben sich einen Raum, finden Gehör in Politik und Wirtschaft und die ein oder andere betreibt mit ihrem Mamablog ein Business. Diese durch Blogs und soziale Medien ermöglichten Chancen verhelfen feministischen Ideen und Thematiken zu mehr Reichweite. Auch wenn sich weiterhin darum gestritten wird, ob Kinder möglichst lange zu Hause betreut werden sollten oder auch schon Kleinkindern eine außerhäusige Betreuung mit gut ausgebildeten und einfühlsamen Erzieherinnen zuzumuten ist:

Einig ist man sich prinzipiell darin, dass Mütter die Wahl haben sollten sich für ihren Weg entscheiden zu können. Wenn das mal nicht feministisch ist.

Neue Materialien: Handreichung zur gendersensiblen Berufsorientierung

Die AWO hat eine Handreichung zur geschlechtersensiblen Berufsorientierung herausgegeben. Hier werden Ziele gendersensibler Arbeit bei der Berufswahl mit Jugendlichen vorgestellt, ebenso wie Methoden und Übungen zur Durchführung mit Jugendlichen und Multiplikator_innen.

Die Handreichung ist als pdf 84 Seiten lang und kann auf der Seite des Handwerkerinnenhaus Köln e.V. hier runtergeladen werden.

Neue Materialien: fluter zum Thema Geschlechterrollen

Das Magazin „fluter“, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung hat ein Heft zum Thema Geschlechter veröffentlicht, dass ihr hier als pdf runterladen könnt.

Hier noch das Inhaltsverzeichnis, damit Ihr Euch einen Eindruck machen könnt:

Think different

Männer, die auch weiblich sein dürfen, Frauen, die auf eine Quote drängen, und Menschen, die weder Frau noch Mann sein wollen. Ein Gespräch mit der Genderforscherin Sabine Hark

Gesetze zur Gleichstellung

Es gibt ganz schön viele Gesetze zur Gleichstellung. Ein Überblick

Wieder typisch

Warum Männer so zerbrechlich und Frauen so stark sind: über die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern

Vier Feministinnen

Der Kampf für mehr Frauenrechte ist schon recht alt, und er dauert immer noch an. Diese vier Feministinnen haben ihn ordentlich befeuert.

Alle für alle

Der 24. Oktober 1975 wird Island für immer verändern.

Ich bin ich

Früher war Jonas mal Vanessa. Doch schnell merkte er, dass er lieber ein Junge sein will.

Sie sind transsexuell?

In Argentinien hat eine Provinz entschieden: Einer von 100 öffentlichen Angestellten soll in Zukunft aus der Trans-Community stammen.

Da tanzen sie, die Studierenden

Wenn man der Sprache das Männliche austreiben will, wird sie oft nicht schöner. Versuchen sollte man es trotzdem, findet unser Autor

Über Leitwölfe und Powerfrauen

Bei dem Wort „Mutti“ denken wohl die meisten nicht unbedingt an eine politisch einflussreiche Frau.

So siehts aus

Frauen eher leicht bekleidet oder mit Kopftuch, Männer immer sehr, sehr busy: Wir haben mal die Bilder einer Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ nach Geschlechtern sortiert

Von der Rolle

Mit dem Bechdel-Test wird anhand von drei Fragen untersucht, wie groß die Frauen-Stereotype in Filmen sind. Sara Geisler hat sich die bislang erfolgreichsten Filme 2015 mal näher angeschaut

Unter uns

Frauen verdienen 22 Prozent weniger als Männer. Der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern ist in Deutschland größer als in vielen anderen europäischen Ländern und hält sich besonders hartnäckig.

Hammer Job

Toni wird Zimmerin, Max Erzieher. Damit sind sie ziemliche Ausnahmen. Hier erzählen sie über ihre Erfahrungen

Was wir nicht sehen

Angesichts des Zuzugs von Flüchtlingen vermehren sich auch die Vorurteile: Muslime unterdrücken ihre Frauen, verschleiern sie und gefährden unsere Gleichberechtigung.

Erstmal fragen

In Saudi-Arabien werden Frauen auf geradezu absurde Weise eingeschränkt. Der reiche Golfstaat beeinflusst mit seiner strengen Islamauslegung auch andere Teile der Welt

Mutter oder Jungfrau

In der Bibel kommt die Frau nicht besonders gut weg. Die Frage ist aber eh immer, wie religiöse Texte von früher heute ausgelegt werden

Oh Boy

Machos sind nicht mehr gefragt, Schlaffis aber auch nicht. Gar nicht so einfach, die Männerrolle neu zu definieren

Verkaufsschlager

Sexismus in der Werbung ist nicht totzukriegen. Pinkfarbene T-Shirts für süße Girls und Technikbaukästen für echte Männer auch nicht. Denn viele Unternehmen leben ganz gut von Rollenklischees

Kriegerin

Im Nordirak und in Syrien verteidigen Kurden ihre Heimat gegen Islamisten und die Truppen von Baschar al-Assad. An vorderster Front kämpfen Frauen wie Siham mit

Vortrag und Workshop: Was tun bei Sexismus im Alltag und im Netz?

Am 24.02. halte ich in Hamburg einen Vortrag mit anschließendem Workshop zum Thema Alltagssexismus und Sexismus im Netz.

Eingeladen hat mich umdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg und das Ganze findet im Rahmen der Ausstellung Wer braucht Feminismus? statt.

Beginn ist um 18:00 Uhr im Dorothee-Sölle-Haus, Königstr. 54

Die meisten Menschen erkennen den schmalen Grat zwischen einer harmlosen und einer sexistischen Bemerkung, so die Studien. Dennoch entfachte die Anmerkung eines Politikers gegenüber einer Journalistin vor zwei Jahren einen Aufschrei. Alltagssexismus reicht von einer vermeintlich harmlosen Frage im Gespräch bis hin zu einer offensichtlichen (gewaltvollen) Belästigung in der Öffentlichkeit. Wie erkennen wir Sexismus heute? Wie gehen wir effektiv dagegen vor? Und welche Auseinandersetzung ist im Internet sinnvoll, wo Sexismus im anonymen Raum um sich greift?

 

Grundlagentext Gender Studies: Knapp (2000) – Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht

(In: Knapp/Becker Schmidt: Feministische Theorie zur Einführung. Hamburg. S. 63-102)

Knapp fasst in ihrem Aufsatz die Sex-Gender-Debatte und deren verschiedenen Perspektiven, vor allem Butler und Harraway, zusammen. Sie beschreibt den Perspektivenwechsel von der Frage nach den „großen Folgen des kleinen Unterschieds“ zu der Frage nach den großen Voraussetzungen der Entstehung zweier Geschlechter zusammen und erläutert die Standpunkte konstruktivistischer und dekonstruktivistischer Ansätze.

Ziel konstruktivistischer Ansätze ist es, mehr über die soziale Herstellung von Geschlecht zu erfahren und Antwort auf die Frage zu finden, wie es zu der binären, sich gegenseitig ausschließenden Klassifikation von zwei Geschlechtern kommt und wie diese aufrechterhalten wird. Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte:

Beim ersten beschränkt sich der Begriff Geschlecht auf Fragen der Zuschreibung von Geschlechtszugehörigkeit an Individuen und auf deren Darstellung, beim zweiten Schwerpunkt geht es um Probleme sozialer Ungleichheitslagen im Geschlechterverhältnis. Dabei zeigt sich insgesamt, dass Geschlecht omnipräsent ist und in Face-to-Face-Interaktionen nicht ausgeblendet werden kann. Während in theoretischen Debatten die Auflösung der Grenzen von Geschlecht diskutiert wird, basiert unser Handeln im Alltag immer noch auf einer natürlichen Annahme der binären Geschlechterteilung.

Judith Butler gilt als Vertreterin der dekonstruktivistischen Perspektive auf Geschlecht. Die Identität des Subjekts basiert auf den sprachlich-diskursiven Konstruktionen, welche Geschlechterdifferenz regulieren. Anliegen ihrer Theorie ist es, einen Vorstellungsraum für die verschiedensten Konstellationen von Körperlichkeit, Begehren und Identität zu eröffnen. Geschlecht und geschlechtliche Identität wird performativ durch Äußerungen konstituiert, es hat keine von diesen Äußerungen unabhängige Substanz.

Das Problem mit den dekonstruktivistischen Theorien liegt meiner Meinung nach darin, dass sie sehr abstrakt bleiben. Haraway bezeichnet ihr Cyborg-Manifest sogar als Utopie. Natürlich kann man sich auf dieser Ebene vieles denken, interessant ist zu beobachten, welche Auswirkungen diese Theorien auf praktisches Handeln haben. Wo kann man im Alltag das Performative in der Geschlechterdarstellung sehen (zugegeben: fast überall), wo die Verwischung der Grenzen von Mensch-Tier-Maschine? Welche neuen Diskurse entstehen und wie werden diese Theorien weitergedacht?

Grundlagentext Gender Studies: Haller (2002) – Die Vielfalt des Geschlechtlichen.

(Der Aufsatz von Dieter Haller ist im Sammelband von Judith Schlehe (Hrsg): Interkulturelle Geschlechterforschung. erschienen)

Dieter Haller ist Ethnologe und Professor für Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität Bochum.

In seinem Text beschäftigt er sich mit der Frage nach der Naturalisierung der Geschlechterdichotomie und wie diese innerhalb einer Anthropology of Gender verhandelt wird. Dazu gibt er zunächst einen historischen Abriss der ethnologischen Forschungen in diesem Bereich. Dabei wird der Frage nach den vermeintlichen biologischen Ursachen einer kulturellen Unterscheidung besonderes Augenmerk geschenkt. Europäisch-amerikanische Forscher_innen versuchten immer wieder, den Phänomenen der eigenen Kultur in den anderen Gesellschaften auf den Grund zu gehen. Das führte zu einer Überbetonung von Einzelfällen und zu Interpretationen, die den Kontext vernachlässigen. Beispielhaft macht er das an der Heteronormativität in der westlichen Kultur fest. Während zunächst davon ausgegangen wurde, dass diese universal und essentiell ist, versuchten Forscher aus dem Bereich der Queer Studies gerade die soziale und kulturelle Konstruktion dieses Phänomens aufzuzeigen.

Anhand der Veröffentlichungen von Judith Butler im Bereich Queer Studies versucht er die Konstruktion von gender nachzuzeichnen und die Schwierigkeit, von einer ‚Natur‘ des Geschlechts zu sprechen. Gender sei die wiederholte Stilisierung des Körpers, aber auch das biologische Geschlecht konstituiere sich erst durch Sprache. Sex sei also immer ein Effekt von gender, gender aber wiederum auch nur ein Effekt von Ausdrücken und Performanz. Für Haller ist die Aufgabe einer Anthropology of Gender nun, „Butler auf die Füße zu stellen“.

Weiterhin sei es Aufgabe der Ethnologie, den Eurozentrismus in den Forschungen aufzudecken, mit dem Geschlechterverhältnisse und Sexualität in anderen Kulturen betrachtet werden. Da Natur selber ein kulturell produziertes Phänomen sei, lassen sich Geschlecht, Sexualität und Begehren nicht naturalisieren und sind weder ahistorisch noch universal. Damit können Grundannahmen der Soziobiologie hinterfragt werden.

Dieses Vorhaben von Haller finde ich sehr engagiert und ich bin gespannt, wie Anhänger_innen der genannten Wissenschaften sich auf solche Diskussionen einlassen. Es stellen sich ja viele Fragen. Vor allem auch, was bleibt, wenn die vermeintliche Natur als kulturell konstruiert betrachtet wird, das hat schließlich nicht nur Auswirkungen auf die Konstruktion von Geschlecht, Sexualität und Begehren sondern meiner Meinung nach auf die Position des Menschen überhaupt, mit seinem Denken und Handeln.

Empowerment Workshop „Voll fett!“ von und mit Magda Albrecht

Die wunderbare Magda Albrecht, Autorin bei der mädchenmannschaft hält einen Empowerment Workshop, der sich an (sozial)pädagogische Fachkräfte richtet.

Am 26.02.2016 findet er in Frankfurt statt. Der Workshop ist schon ausgebucht, man kann sich aber auf eine Warteliste setzen lassen und bestimmt auch Magda anfragen, ob sie in der eigenen Einrichtung einen Workshop oder Vortrag hält:

Aus der Ankündigung:

In der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist die (Selbst-) Reflexion über Körper- und Gesundheitsideale Voraussetzung für einen sensiblen und respektvollen Umgang mit Körpervielfalt. Die Darstellung dicker Menschen in den Medien ist überwiegend stereotyp oder soll als „Abschreckung“ dienen. Oftmals heißt es, Dicksein sei ungesund oder unattraktiv. Dieser Workshop soll über eine kritische Auseinandersetzung hinaus sensibilisieren und Lust darauf machen, in Institutionen Angebote für Jugendliche zu schaffen, die körpergewichtsbezogene Diskriminierung mitdenken. Eingeladen sind Fachkräfte der sozialen Arbeit und aus pädagogischen Berufen, die sich (selbst-) kritisch mit Schönheits- und Gesundheitsnormen auseinandersetzen möchten.
Das Projekt „Respekt. Stoppt Körperdiskriminierung“ wird vom Frauenreferat der Stadt Frankfurt am Main im Rahmen des Schwerpunktes „Respekt. Stoppt Sexismus“ gefördert.

Die Workshopleiterin Magda Albrecht ist politische Bildnerin und Mitglied des feministischen Vereins und Gemeinschaftsblogs Mädchenmannschaft e.V.. Sie schreibt, forscht und hält Vorträge zu den Themen Körpernormierungen (insbesondere Dickendiskriminierung), Strategien zur Selbstermächtigung und queer-feministische Aktionsformen.

Die vollständige Ankündigung gibt es hier

Workshop: Cybersexismus und Gewalt im Netz – Wider den Trollen

Mein erster Termin im Herbst steht fest: Ich halte beim Kongress „Gleichstellung. Macht. Zukunft“ einen Workshop über Cybersexismus.

Der Kongress findet zusammen mit einem Festakt am 02.10.2015 in Freiburg im Breisgau anlässlich gleich dreier Jubiläen, u.a. der Stelle zur Gleichberechtigung der Frau, statt.

Das ganze Programm findet ihr als pdf hier.

Aus der Workshopbeschreibung:

Gewalt im Internet hat viele Facetten:

Verbale Angriffe im Chat, sexuelle Belästigung in sozialen Medien bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen gegen Frauen und Mädchen. Wer im Netz Sexismus offen legt, feministische Positionen vertritt und frauenpolitische Forderungen stellt oder für ein Anliegen Partei ergreift, kann schnell zur Zielscheibe werden. Die Anonymität öffnet für manche auch einen Kanal, Unmut und Frauenhass öffentlich raus zu lassen, Frauen einzuschüchtern und mundtot zu machen.

Im Workshop werden die verschiedenen Formen von Cybergewalt erläutert, Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen gegen Gewalt entwickelt, aber auch Aspekte des Empowerments aufgezeigt: Wie Internet, soziale Netze und Co. genutzt werden können, um sich zu solidarisieren und dieser Gewalt entgegenzutreten.

Schlagworte sind Shit Storm, Hate Speech, #aufschrei, Empowerment, Soziale Netze.

Materialien: BMFSFJ-Studie über männliches und weibliches Erziehungsverhalten in KiTas

Die Studie ist hier zum kostenlosen Download verfügbar.

Aus der Beschreibung:

„Bislang gibt es  kaum wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, inwieweit sich  männliche und weibliche Fachkräfte im Umgang mit Kindern unterscheiden. Die Studie belegt, dass es kaum geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich pädagogischer Verhaltensstandards gibt. Allerdings spielt das Geschlecht der Kinder eine Rolle, z.B. bei der Auswahl von Themen und Spielmaterialien.“

Grundlagentext Gender Studies: Schröter (2002): Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern

(Hier eine Zusammenfassung der Seiten 1-37)

Die Autorin des Textes ist Ethnologin und hat zur Zeit eine Professur für „Ethnologie kolonialer und postkolonialer Ordnungen“ in Frankfurt. Ihr regionaler Schwerpunkt ist Indonesien, thematisch beschäftigt sie sich mit den Genderaspekten in der Ethnologie, Film und Medien, Riten und Globalisierung (ihre Website findet ihr hier).

In der Einleitung des Textes wirft Schröter eine Menge Fragen über die Kategorie Geschlecht auf und stellt fest, dass die Grenzen dieser Kategorien verlaufen und unsicher sind. Anhand eines historischen und eines ethnologischen Abriss über die Untersuchungen über Frauen- bis zu Geschlechterstudien versucht sie aufzuzeigen, das Geschlecht eine Kategorie ist, die nur vor dem jeweiligen Kontext, sowohl historisch als auch kulturell, begreifbar ist. Sie möchte vor allem verdeutlichen, dass der politische Anspruch des Feminismus, den Universalismus einer patriarchalischen Unterdrückung aufzudecken, ethnologisch nicht belegt werden kann. Statt einer interkulturellen Dichotomie die Geschlechter betreffend, zeigt sie an Beispielen auf, dass solche Einteilungen zwar eine wichtige Rolle spielen aber durch das Handeln von Einzelnen überschritten werden können.

In ihrem historischen Abriss versucht sie aufzuzeigen, wie in der Frauenforschung versucht wurde, eine einheitliche Kategorie Frau zu finden, mit der man die unterschiedlichen Phänomene der Unterdrückung untersuchen kann. Dieser Versuch musste aber recht früh wieder aufgegeben werden, da sich zum einen schwarze Frauen gegen eine Vereinheitlichung im Sinne einer „global sisterhood“ wehrten und zum anderen zeigte, dass man die Zweiteilung des Geschlechts überhaupt aufgeben musste.

Wenn im politischen Feminismus von Teilhabe an Macht die Rede ist, war dieser Machtbegriff bisher recht eingegrenzt. Dieser Machtbegriff sollte erweitert werden und ist in verschiedene Felder aufgesplittert. Wenn zwischen diesen Feldern eine Balance besteht, könne man von einer Geschlechtersymmetrie sprechen. Diese basiere auf dem permanenten Aushandeln von unterschiedlichen Interessen.

Schröters Ergebnis ist, dass man die gewohnte Einteilung in binäre Oppositionen aufgeben muss und dem Moment der Differenz mehr Bedeutung verleiht. Durch diese Differenz sei es aber auch unmöglich geworden, die Ergebnisse der Forschung in politische Forderungen zu übersetzen, so dass die Trennung von Forschung und Politik unausweichlich war.

Für mich stellt sich die Frage, wie durchlässig diese Grenzen wirklich sind, in welchen Zeiträumen und Kontexten ein Durchbrechen möglich ist. Besonders die Betonung der Handlungen der einzelnen Akteure war für mich noch nicht ganz überzeugend, da die Forschungen mehr auf Einzelfällen basieren und viele Strukturen noch statisch erscheinen.