Feminismus und Mutterschaft im Netz

Der folgende Text ist zuerst in der Zeitschrift news – Gender.Politik.Universität der TU Berlin erschienen (mit anderer Überschrift).

Verhandlungen von Feminismus und Mutterschaft in Blogs

Sommer 2010. Ich sitze im Badezimmer und sehe auf einen schmalen Streifen. Dieser Streifen sagt mir grade, dass ich schwanger bin. Schön, ich freue mich. Aber gleichzeitig hab ich viele Fragen die unmittelbar auftauchen und ich weiß nicht, wem ich sie stellen kann: Ich bin 30 und in meinem Freundeskreis die Erste die schwanger ist.

Ich meine Fragen, die mich als Feministin umtreiben: Wie fair wird die Arbeitsaufteilung zwischen meinem Partner und mir wo er doch mehr verdient als ich, was wird meine Arbeitgeberin sagen und werde ich von Biologismen überrollt, wo doch jetzt „die Hormone“ über mich regieren?

Ich wendete mich an die Bibliothek und finde Elisabeth Badinter und Barbara Vinken. Der Tenor: Die deutschen Mütter sind irgendwie speziell, aber nicht im positiven Sinne. Zwar werden all die Hürden genannt, warum so wenig Kinder in Deutschland unter drei Jahren in außerhäusiger Betreuung sind und so wenige Mütter – im Vergleich zu Positivbeispielen wie Schweden oder Frankreich – Vollzeit arbeiten. Aber zwischen den Zeilen lese ich: Wer sein Kind nicht gleich abstillt und 10 Stunden am Tag in die Krippe gibt um schnellstmöglich zurück an den Arbeitsplatz zu kehren, di_er lebt „Folklore“.

Soll das feministische Mutterschaft sein? Ich wollte Zeit mit meinem Kind, meinem Partner UND meiner beruflichen Selbstverwirklichung verbringen. Das kann doch nicht so schwer sein. Dachte ich.

Weil mir also niemand meine Fragen beantworten konnte…schrieb ich sie selber ins Internet. Da es inzwischen technisch recht einfach war einen Blog aufzusetzen wählte ich dieses Medium.

Ich nannte mein Blog „glücklich scheitern“, denn das Scheitern als Mutter – so war ich sicher – war mir Gewiss. Die Hoffnung glücklich zu werden oder zu sein war aber ebenso da.

Die Nische der „Mamablogs“ war noch überschaubar.

Heute dagegen gibt es Tausende und sie sind thematisch so verschieden, wie es Mütter eben sind. Von DIY und Rezepten über Erziehungsstile bis zu Themen wie Vereinbarkeit, Karrieretipps oder Reisen mit Kindern. Es gibt Tagebuchblogs, die fast täglich einen kleinen Bericht über den vergangenen Tag schreiben, Lifestyleblogs mit den schicksten Outfits für Mama und Kind und Ratgeberblogs zu den unterschiedlichsten Bereichen: Stillen und Säuglingspflege, Erziehungsthemen, Schule und Freilernen oder einem naturnahen Leben mit Kindern.

Mutterschaft sichtbar machen – das Private ist Politisch

Warum schreiben Mütter Blogs und was davon hat mit Feminismus zu tun? Lange Zeit war das Mutterwerden und –sein mit einem Verschwinden aus dem öffentlichen Leben gleichgesetzt. Frauen unterbrachen ihre Lohnarbeit für eine längere Zeit und nahmen seltener am öffentlichen Leben teil. Ihre Stimme wurde in der Politik kaum gehört, was in den letzten Jahren besonders daran sichtbar wurde, wie wenig Familienpolitik mit den Bedürfnissen und Lebensrealitäten von Familien zu tun haben.  

Blogs ermöglichen Müttern, sich Gehör zu verschaffen. Manche finden nur wenige Leser_innen, andere machen riesige Wellen, die es bis ins Fernsehen schaffen, wie die Aktion „Muttertagswunsch“ der Bloggerinnen von mutterseelesonnig und mama-arbeitet.

Im April diesen Jahres lädt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gezielt Familienblogger_innen zu einem „Blogger-Café“ ein um herauszufinden, wie durch Digitalisierung von Verwaltung und co. Familien das Leben erleichtert werden kann.

Kurz: Auf der einen Seite werden Mamablogs für ihre Niedlichkeit, ihre Rezepte und selbstgemachten Kinderklamotten belächelt. Auf der anderen Seite haben sie sich einen Raum geschaffen, in dem aktuelle Debatten & Diskurse aufgenommen, diskutiert und losgetreten werden und die in der Politik einen Stellenwert gewinnen.

Einige Bloggerinnen beziehen sich ganz selbstbewusst auf das alte Credo „Das Private ist Politisch“. So schreibt zum Beispiel die Bloggerin Carola:

„Die Art, wie ich mit meiner Familie hier und heute in Deutschland lebe, ist Ausdruck der Politik in diesem Land. Gesetze und ihre Auswirkungen sind unser aller Alltag. Politik greift in unser Familienleben ein, ob wir es wollen, oder nicht.“

Und macht anhand einiger Beispiele deutlich, wo Familien von politischen Entscheidungen betroffen sind und welche Auswirkungen das hat.

Die individuelle Bedeutung des Bloggens als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung im Ausdruck mit Schrift und Sprache und ja, auch zum Geldverdienen beschreibt Sonja:

„Egal welche Art Blog sie führen, weibliche Bloggerinnen drücken sich aus, verleihen ihrem Hobby, ihrer Leidenschaft, ihrem designerischen, erzieherischen oder kochenden Können Ausdruck. Sie ver-professionalisieren sich.“

Professionalisierung meint hier auch: wirtschaftliche Bedeutung. Inzwischen gibt es einige Mamabloggerinnen, die aus ihrem Blog ein Business gemacht haben und mit Unternehmenskooperationen und Werbung Geld verdienen. Und zwar ausreichend, um davon zu leben (auch wenn das nur für eine überschaubare Zahl gilt).

Tatsächlich lassen sich auch feministische Anliegen in diesen Blogs durch Werbung monetarisieren. So finden sich Werbekampagnen für die Pille danach, Frauenhilfsorganisationen oder Schönheitsprodukte, deren Hersteller Workshops für Mädchen organisieren um deren Körperwahrnehmung zu stärken.

Welche Themen relevant sind entscheiden nicht mehr Mainstreammedien wie Fernsehen und Zeitungen. Sondern die Blogger_innen selber.

Und somit schließt die Autorin des Blogs AufZehenspitzen zur Frage der Trivialität von Mamablogs:

„Sicher, nicht jedes Cupcake-Rezept geht über ein Cupcake-Rezept hinaus und nicht jede Trotzerlebnis-Nacherzählung ist mehr als eine Trotzerlebnis-Nacherzählung. Aber das Gejammere um nicht vom Mann/Lebensgefährten/Freund miterledigte Hausarbeit, die Klagen um nicht erhaltene Kinderbetreuungsplätze, das Schimpfen auf ausbleibende Unterhaltszahlungen vom Ex-Partner und der Austausch von schlechten Geburtserfahrungen – das alles ist ganz und gar nicht trivial.“

Von Care- und Lohnarbeit bis zu #selbstgeboren und #regrettingmotherhood

Auch wenn längst nicht jeder Mamablog explizit feministisch ist, werden in vielen feministische Themen aufgegriffen. Der Klassiker ist die Arbeitsteilung bei Hetero-Elternpaaren: Hier werden die Aushandlung von Elternzeit und anschließender Aufteilung der Lohnarbeit thematisiert und öffentlich gemacht. Das hier besonders viel „Sprengstoff“ liegt zeigt sich auch an der großen Zahl von Leser_innenkommentaren unter den entsprechenden Beiträgen: Nahezu alle Paare erleben eine große Differenz zwischen ihren Wunschvorstellungen und der dann eintretenden Realität. Nicht überraschend ist, dass meist die Mütter im Bereich Lohnarbeit kürzer treten.

Da die Bloggerinnen untereinander meist gut vernetzt sind, werden brisante Themen schnell aufgegriffen und es können einige Dutzend Artikel aufgrund einer Ausgangsnachricht entstehen: 2014 gab es den Aufruf einer Hebamme, ein Buch mit Geschichten von Geburten zu veröffentlichen, denen sie den Hashtag #selbstgeboren zuordnete. „Selbstgeboren“ sollte heißen: Ohne Manipulation von Außen, durch  Eingriffe wie Einleitung der Wehen, Schmerz- und Betäubungsmittel oder Kaiserschnitt.

Da dies nur auf ca. 8 Prozent aller Geburten zutrifft, ist es nicht verwunderlich, dass es vielen Müttern auf dem Herzen lag darauf hinzuweisen, dass sie dennoch alle ihre Kinder selbst geboren haben. Schließlich hat ihnen keine_r die Geburt abgenommen, die anwesende Hebamme nicht, der Anästhesist der die PDA gelegt hat nicht und selbst die Ärztin, die den Kaiserschnitt durchführte nicht. Neben dieser persönlichen Sicht auf den Geburtsmodus stellten viele Bloggerinnen auch die Frage nach den Bedingungen für selbstbestimmte Geburten: Das Gesundheitssystem, der Hebammenmangel und die eingeschränkte Wahl des Geburtsortes.

Aktuell schreiben Mamabloggerinnen unter #ohneHebamme über die Dystopie einer Welt ohne Geburtsbegleitung durch Hebammen.

Die Wahl von Geburtsort und –modus sind von jeher ein feministisches Thema und werden auch in den Mamablogs auf vielfältige Weise besprochen.

Eine weitere Flut von Texten fand ihren Niederschlag unter dem Hashtag #regrettingmotherhood: Die Studie einer israelischen Wissenschaftlerin, in der sie Mütter interviewte, die ihre Mutterschaft bereuen. Daraus entspann sich in der Mamabloggerszene eine Folge von Texten über die Ambivalenzen von Mutterschaft – die aber gleichzeitig wieder das gesellschaftliche Tabu zeigten, wirklich von Reue im Zusammenhang mit Mutterschaft zu sprechen.

Auch netzfeministische Debatten wie #aufschrei finden ihren Niederschlag in Mamablogs, einige berichten ebenfalls über ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, andere schreiben darüber, dass sie sich für ihre Töchter eine Welt ohne Sexismus wünschen.

Die „rebellische“ Hausfrau oder Abgrenzungen zum Feminismus

Ist nun jede Mutter die bloggt Feministin oder hat zumindest ein positives Verhältnis zum Feminismus? Jein.

In einigen Blogs wird auch das Unwohlsein mit „feministischen“ Forderungen betrachtet und diskutiert. Feminismus wird hier als Abgrenzungsfolie verwendet, dem man seinen eigenen Lebensentwurf gegenüberstellt.

So schreiben Mütter, die sich für eine längere Zeit von ihrer Lohnarbeit abwenden um sich ganz der Familienarbeit zu widmen über die Probleme, die sie mit „dem“ Feminismus haben (siehe zum Beispiel die Blogparade hier).

Spannend ist dabei die Argumentation: Meist bedankt man sich brav beim Feminismus für die erbrachten Kämpfe um dann festzustellen, dass dieser zu weit geht, wenn von Müttern erwartet wird, dass sie schnellstmöglich nach einer Geburt wieder arbeiten gehen und ihre Kinder in die „Fremdbetreuung“ geben.

Interessant ist die Selbstwahrnehmung von Hausfrauen als „Ausnahme“. Wenn man in die Statistiken schaut, werden selbst in Regionen mit gut ausgebauter Kinderbetreuung grad 60% der Kinder unter drei Jahren betreut. In anderen Regionen sind es überhaupt nur 14% der Kinder unter drei.

Abschluss

Die Zahl der Mamablogs wächst stetig. Hinter ihnen stecken Haufrauen, Working Moms, Alleinerziehende, Regenbogenfamilien, Co-Parents, Mütter mit Handicap, Feministinnen und solche, die Feminismus für überholt halten.  

Mütter erschreiben sich einen Raum, finden Gehör in Politik und Wirtschaft und die ein oder andere betreibt mit ihrem Mamablog ein Business. Diese durch Blogs und soziale Medien ermöglichten Chancen verhelfen feministischen Ideen und Thematiken zu mehr Reichweite. Auch wenn sich weiterhin darum gestritten wird, ob Kinder möglichst lange zu Hause betreut werden sollten oder auch schon Kleinkindern eine außerhäusige Betreuung mit gut ausgebildeten und einfühlsamen Erzieherinnen zuzumuten ist:

Einig ist man sich prinzipiell darin, dass Mütter die Wahl haben sollten sich für ihren Weg entscheiden zu können. Wenn das mal nicht feministisch ist.

Männer in Frauenposen – Yay und Nay

Frauen auf Werbeplakaten sind meistens nackt und verbogen. Auch wenn es sich nicht um Werbung für Sonnenschutzmittel oder Ballettschuhe handelt. Kurz: selten hat die nackte Frau, die sich im Bilde verdreht, etwas mit dem beworbenen Produkt zu tun. Sex sells. Wie absurd diese Tatsache ist, haben im vergangenen Jahr verschiedene Aktionen aufgezeigt: Das Fotoprojekt von Rion Sabean „Men-Ups„, in dem Männer in typischen Plakatposen gezeigt werden, die sonst Frauen einnehmen. Auch wenn diese Männer dabei sittsam angezogen bleiben, zeigt sich hier die Unsinnigkeit im Zusammenhang von Bild und Botschaft.

Mit der Plakatkampagne „Kommt Ihnen etwas seltsam vor?“ machte die Salzburger Watchgroup gegen sexistische Werbung mit viel nackter Männerhaut auf die zur Gewohnheit gewordene Sicht auf Frauenkörper aufmerksam, die durch ihre Plakate irritiert wird.

Wie gesagt, diese beiden Aktionen legen den alltäglichen Sexismus offen, dem Frauenkörper unterworfen sind.

Letztens spülte mir twitter oder facebook eine Foto-Reihe in die Timeline – Männer, die sich wie Frauen fotografieren. Instagram wird als „typisches Frauen-Medium“ oft belächelt und hier „toppen“ Männer das noch, in dem sie sich über weibliche Selbst-Inszenierungen lustig machen.   Im Gegensatz zu den oben genannten Aktionen deckt diese Fotoreihe also nicht Sexismus auf, sondern versucht die „Deutungshoheit über das eigene Bild“ – wie Teresa Bücker schreibt – den Frauen wieder zu entziehen.

Also obacht, wenn Männer in Frauenposen auftauchen, mal ist es yay, mal eher nay.

(Darüber, wie Geschlecht durch Körperhaltungen konstruiert werden, schrieb auch Helga 2012 bei der Mädchenmannschaft)

Kommentierte Links: Deine Mudda & die Mär der verkrampften Emanze

Heute erreichten mich zwei Meldungen, die mir Bauchweh bereiteten. Ich schildere Euch meine Bedenken und freue mich über Kommentare & Austausch:

Die frauTV-Moderatorin Lisa Ortgies erhielt den Luise-Büchner-Preis für Journalistik. Zitat aus der Laudatio von Bascha Mika dazu:

„Bascha Mika, die erste Luise-Büchner-Preisträgerin 2012, bescheinigt Ortgies in ihrer Laudatio eben jenen Mut, mit dem sie die versteckten Feindbilder aufdecke und sich gegen das abschreckende Image „der Feministin“ wehre, der jeder „journalistische Humor und Sexappeal“ abgehe. Weder hülle sich Ortgies in Säcke, noch tauge sie für Entschuldigungen wie: „Ich bin zwar keine Feministin, aber…“. Lisa Ortgies setze sich klar für einen „modernen“ und „unverkrampften“ Feminismus ein, so die Begründung der Jury, die Agnes Schmidt als Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft vortrug.“

Ich habe die – für mich – bemerkenswerten Formulierungen hervorgehoben. Bemerkenswert, dass 2014 immernoch eine Abkehr vom (von wem aufrecht erhaltenden?) Image der spaßfreien Feministin betont werden muss. Sich täglich mit gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Unterdrückung und Sexismus auseinandersetzen MACHT DOCH SCHLIESSLICH SPASS! Und dabei möge die moderne Feministin doch bitte gut aussehen oder sich wenigstens gut kleiden, denn was ist Feminismus schon wert, wenn er nicht für den männlichen Blick taugt? So, Schluss mit dem Sarkasmus, weiter zum nächsten Link:

Mädchen & Frauen, die im Internet unterwegs sind, dort aktiv schreiben, kommentieren und sich mit Netzkultur auseinander setzen, sind regelmäßig Zielscheibe von sexistischer Gewalt bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Eine junge Journalistin wehrte sich gegen solche Drohungen indem sie sich – an die Mütter der – meist pubertierenden – Angreifer wendet. Vorweg: Niemand sollte mit solchen verbalen Angriffen alleine bleiben müssen (ich gebe die Formulierung nicht wieder, wenn es Eine_n interessiert, klickt einfach auf den Link ↑). Ich bin durchaus dafür, solche Hier in Deutschland gibt es die Kampagne hatr.org, auf denen die schlimmsten (Blog-)Kommentare oder tweets veröffentlicht werden. Der Gedanke, solche Übergriffe publik zu machen, Personen, die so etwas zu schreiben öffentlich an den Pranger zu stellen, finde ich unterstützenswert. Warum aber grade speziell die Mütter anschreiben? Klar, würden meine Söhne solchen Bockmist verzapfen, würde ich das wissen wollen. Alanah Pearce, besagte Journalistin, hat relativ einfach via facebook die verwandtschaftlichen Beziehungen herausgefunden, warum hat sie sich nicht an die Väter gewandt? Oder die Lehrer_innen? Ich kann nur Vermutungen anstellen und ich befürchte, die wenigsten Väter würden angemessen auf diese Information reagieren. Aber so wird hier wieder eine stereotype Rollenverteilung reproduziert*, die Mütter als die naturgegeben Verantwortlichen für das miese Verhalten ihrer Kinder in die Pflicht nimmt. Ich vermute, den angeschriebenen Müttern war die Information wesentlich peinlicher als ihren Söhnen.