Gender in der Berufsorientierung

Immer noch wollen die meisten Jugendlichen einen „geschlechtsspezifischen“ Beruf wählen. Mädchen gerne etwas aus dem Bereich Büro oder Gesundheit, Jungen tendieren (abhängig vom Schulabschluss) vor allem zu handwerklichen Berufen. Warum ist das so? Eigentlich erstaunlich, dass sich diese Frage immer noch stellt, wo doch bereits Neugeborene von Geburt an unterschiedlich betrachtet werden: Mädchen werden für kleiner und leichter gehalten als sie sind und als gleich große und schwere Jungen. Und zwar von den eigenen Eltern. Da soll geschlechtsspezifische Vorstellungen keinen Einfluss auf die elterliche Erziehung haben?

Was bestimmt das Geschlecht?

Inzwischen sind sich nicht mal mehr Biolog_innen und Mediziner_innen sich, was überhaupt „Geschlcht“ ausmacht und wie die vorgeburtlichen Prozesse ablaufen, damit man beim Anblick des oder der Neugeborenen sagen kann: „Es ist ein Junge!“ oder „Es ist ein Mädchen!“ Neben den primären sichtbaren Geschlechtsorganen wird nämlich erst mal nichts weiter „überprüft“. Ein Junge ist ein Junge, wenn er einen Penis und Hoden hat. Punkt. Neben diesen Merkmalen, die – je nach Quelle – bei etwa einem von 1000 Neugeborenen uneindeutig sind, gibt es weitere Kriterien, an denen in den Naturwissenschaften „Geschlecht“ fest gemacht wird: Chromosomen, Keimdrüsen und Hormone. Die Spannweite dessen, was sich bei beiden Geschlechtern überschneidet, ist größer, als die Unterschiede und varriert innerhalb der Geschlechtergruppen mehr, als die statistischen Mittelwerte zwischen beiden Gruppen. Von einem „naturgegebenen“ Geschlecht zu sprechen, dass sich deutlich von einem anderen unterscheidet trauen sich aufgeklärte Biolog_innen heute nicht mehr.

Der Einfluss von Geschlecht auf die mathematischen Fähigkeiten

Definitiv kann die Biologie von keinen Genen berichten, auf denen die Fähigkeit liegt, Autos zu reparieren oder Haare zu färben. Welchen Einfluss hat dann die Gesellschaft? Es gibt T-Shirts, auf denen „In Mathe bin ich deko“ zu lesen ist. In Größe 98 (etwa für zweijährige!). Welche Botschaft wird damit grade Mädchen vermittelt? Lehrkräfte, Eltern und auch andere Kinder & Jugendliche halten Jungen von Beginn ihrer Schullaufbahn für mathematisch begabter als Mädchen. Das führt nicht nur zu größerem Interesse an Zahlen und Formeln, sondern auch zu größerer Motivation und höherem Selbstvertrauen, sich damit zu beschäftigen. Bereits in der dritten Klasse äußern Mädchen verstärkt Ängste in MINT-Bereichen und Lehrkräfte trauen ihnen weniger zu. Fehlleistungen in diesen Bereichen werden bei Mädchen eher auf persönliches Unvermögen, bei Jungen auf äußerliche Faktoren wie „Pech“ oder maximal Faulheit. Außerdem müssen Jungen nicht damit rechnen, als „Mathestreber“ ausgegrenzt zu werden.

Die Vorurteile im Lehrkörper sind sogar noch stärker als die der Schüler_innen. Sie beurteilen Jungen als kreativer und Mädchen als fleißiger. Mangelnde Leistungen werden bei Mädchen mit intellektuellen Mängeln begründet und fördern damit geschlechtsspezifische Selbstbilder.

Was sind die Ziele einer gendersensiblen Berufsorientierung?

  • Eine Berufsorientierung, die gendersensibel gestaltet ist hilft dabei, individuelle Fähigkeiten von Jugendlichen zu erkennen und anzuerkennen, jenseits von gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen
  • Eine gendersensible Berufsorientierung macht Rollenbilder transparent und bricht sie auf
  • Eine gendersensible Berufsorientierung erweitert das Berufswahlsprektum und zeigt auf, was möglich sein könnte

In allen Institutionen, die sich mit der jugendlichen Bildung beschäftigen, ist es nötig, dass das dort tätige Personal über die geschlechtsspezifischen Sozialisationsfaktoren weiß, um ihnen entgegenwirken zu können. Darum ist es mir ein persönliches Anliegen, in Kindergärten und Schulen Workshops und Seminare anzubieten, die genau hier ansetzen.

Bei Interesse schicken Sie mir eine Mail an: melanietrommer@gmail.com

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Veröffentlicht von

Melanie

Gender Trainerin, Bloggerin, Autorin und Referentin aus Köln

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