Grundlagentext Gender Studies: Haller (2002) – Die Vielfalt des Geschlechtlichen.

(Der Aufsatz von Dieter Haller ist im Sammelband von Judith Schlehe (Hrsg): Interkulturelle Geschlechterforschung. erschienen)

Dieter Haller ist Ethnologe und Professor für Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität Bochum.

In seinem Text beschäftigt er sich mit der Frage nach der Naturalisierung der Geschlechterdichotomie und wie diese innerhalb einer Anthropology of Gender verhandelt wird. Dazu gibt er zunächst einen historischen Abriss der ethnologischen Forschungen in diesem Bereich. Dabei wird der Frage nach den vermeintlichen biologischen Ursachen einer kulturellen Unterscheidung besonderes Augenmerk geschenkt. Europäisch-amerikanische Forscher_innen versuchten immer wieder, den Phänomenen der eigenen Kultur in den anderen Gesellschaften auf den Grund zu gehen. Das führte zu einer Überbetonung von Einzelfällen und zu Interpretationen, die den Kontext vernachlässigen. Beispielhaft macht er das an der Heteronormativität in der westlichen Kultur fest. Während zunächst davon ausgegangen wurde, dass diese universal und essentiell ist, versuchten Forscher aus dem Bereich der Queer Studies gerade die soziale und kulturelle Konstruktion dieses Phänomens aufzuzeigen.

Anhand der Veröffentlichungen von Judith Butler im Bereich Queer Studies versucht er die Konstruktion von gender nachzuzeichnen und die Schwierigkeit, von einer ‚Natur‘ des Geschlechts zu sprechen. Gender sei die wiederholte Stilisierung des Körpers, aber auch das biologische Geschlecht konstituiere sich erst durch Sprache. Sex sei also immer ein Effekt von gender, gender aber wiederum auch nur ein Effekt von Ausdrücken und Performanz. Für Haller ist die Aufgabe einer Anthropology of Gender nun, „Butler auf die Füße zu stellen“.

Weiterhin sei es Aufgabe der Ethnologie, den Eurozentrismus in den Forschungen aufzudecken, mit dem Geschlechterverhältnisse und Sexualität in anderen Kulturen betrachtet werden. Da Natur selber ein kulturell produziertes Phänomen sei, lassen sich Geschlecht, Sexualität und Begehren nicht naturalisieren und sind weder ahistorisch noch universal. Damit können Grundannahmen der Soziobiologie hinterfragt werden.

Dieses Vorhaben von Haller finde ich sehr engagiert und ich bin gespannt, wie Anhänger_innen der genannten Wissenschaften sich auf solche Diskussionen einlassen. Es stellen sich ja viele Fragen. Vor allem auch, was bleibt, wenn die vermeintliche Natur als kulturell konstruiert betrachtet wird, das hat schließlich nicht nur Auswirkungen auf die Konstruktion von Geschlecht, Sexualität und Begehren sondern meiner Meinung nach auf die Position des Menschen überhaupt, mit seinem Denken und Handeln.

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Veröffentlicht von

Melanie

Gender Trainerin, Bloggerin, Autorin und Referentin aus Köln

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