Grundlagentext Gender Studies: Knapp (2000) – Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht

(In: Knapp/Becker Schmidt: Feministische Theorie zur Einführung. Hamburg. S. 63-102)

Knapp fasst in ihrem Aufsatz die Sex-Gender-Debatte und deren verschiedenen Perspektiven, vor allem Butler und Harraway, zusammen. Sie beschreibt den Perspektivenwechsel von der Frage nach den „großen Folgen des kleinen Unterschieds“ zu der Frage nach den großen Voraussetzungen der Entstehung zweier Geschlechter zusammen und erläutert die Standpunkte konstruktivistischer und dekonstruktivistischer Ansätze.

Ziel konstruktivistischer Ansätze ist es, mehr über die soziale Herstellung von Geschlecht zu erfahren und Antwort auf die Frage zu finden, wie es zu der binären, sich gegenseitig ausschließenden Klassifikation von zwei Geschlechtern kommt und wie diese aufrechterhalten wird. Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte:

Beim ersten beschränkt sich der Begriff Geschlecht auf Fragen der Zuschreibung von Geschlechtszugehörigkeit an Individuen und auf deren Darstellung, beim zweiten Schwerpunkt geht es um Probleme sozialer Ungleichheitslagen im Geschlechterverhältnis. Dabei zeigt sich insgesamt, dass Geschlecht omnipräsent ist und in Face-to-Face-Interaktionen nicht ausgeblendet werden kann. Während in theoretischen Debatten die Auflösung der Grenzen von Geschlecht diskutiert wird, basiert unser Handeln im Alltag immer noch auf einer natürlichen Annahme der binären Geschlechterteilung.

Judith Butler gilt als Vertreterin der dekonstruktivistischen Perspektive auf Geschlecht. Die Identität des Subjekts basiert auf den sprachlich-diskursiven Konstruktionen, welche Geschlechterdifferenz regulieren. Anliegen ihrer Theorie ist es, einen Vorstellungsraum für die verschiedensten Konstellationen von Körperlichkeit, Begehren und Identität zu eröffnen. Geschlecht und geschlechtliche Identität wird performativ durch Äußerungen konstituiert, es hat keine von diesen Äußerungen unabhängige Substanz.

Das Problem mit den dekonstruktivistischen Theorien liegt meiner Meinung nach darin, dass sie sehr abstrakt bleiben. Haraway bezeichnet ihr Cyborg-Manifest sogar als Utopie. Natürlich kann man sich auf dieser Ebene vieles denken, interessant ist zu beobachten, welche Auswirkungen diese Theorien auf praktisches Handeln haben. Wo kann man im Alltag das Performative in der Geschlechterdarstellung sehen (zugegeben: fast überall), wo die Verwischung der Grenzen von Mensch-Tier-Maschine? Welche neuen Diskurse entstehen und wie werden diese Theorien weitergedacht?

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Veröffentlicht von

Melanie

Gender Trainerin, Bloggerin, Autorin und Referentin aus Köln

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