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36 Monate nach Erscheinen sind alle Beiträge der FEMINA POLITICA frei verfügbar (ab Jg. 20, Nr. 1 – 2011) – hier der Link zur Ausgabe Peace Matters. Das Archiv aller Ausgaben findet ihr hier.

Vortrag & Diskussion beim Frauennotruf Lübeck: Feministische Aktionsformen – von der Straße ins Netz und zurück

Femen
Feministische Aktionsformen – hier am Beispiel Femen

Am vergangenen Donnerstag sprach ich beim Frauennotruf Lübeck über Sexismus und feministische Aktionsformen. Der Frauennotruf Lübeck existiert seit 25 Jahren und berät Frauen und Mädchen, wenn diese Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt gemacht haben.

Ich habe in einem 20minütigen Vortrag versucht, verschiedene Aktionsformen einzuordnen und ihr Verhältnis zu den Mainstream-Medien zu beschreiben. Dafür habe ich mir insbesondere Aktionen ausgesucht, die auf konkrete Ereignisse fokussierten, wie die Slutwalks oder #aufschrei. Aber auch eine Einordnung in den weiteren Kontext wie die riot girls-Bewegung oder das Wechselspiel von sozialen Medien und traditionellen kam nicht zu kurz.

Anschließend gab es eine Podiumsdiskussion mit Lübecker Aktivistinnen (das Programm und die Namen der anderen Teilnehmerinnen findet ihr auf der Seite des Frauennotrufs). Einig waren sich alle, dass Sexismus weiterhin ein Problem ist und dass lautstarke Proteste nötig sind. Nur über die Art und Weise gab und gibt es unterschiedliche Ansichten. Das „Netz“ und die sozialen Medien wurden in ihrer Bedeutung dafür sehr unterschiedlich eingeschätzt: Unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Altersgruppe oder Welle der Frauenbewegung fanden einige, dass die Durchschlagkraft größer ist, wenn man sich außerhalb des Netzes positioniert, manche haben auch gar keinen Zugang zu den sozialen Medien, sei es aus Technikskepsis oder der Angst vor Shitstorm und Informationsüberfluss. Andere sehen grade in den sozialen Medien einen „Rückzugsort“, wo sie sich mit ihresgleichen vernetzen können und Rückhalt bekommen.

Wie so oft war die Zeit für Diskussionen und Austausch nur knapp, zeigte aber sehr schön die Spannweite von Feminismus, feministischen Aktionsformen und Möglichkeiten, aktiv gegen Sexismus zu werden.

Materialien: Gender*perspektiven in der Biologie

Wenn man in Gespräche über Geschlechterrollen verwickelt wird, wird schnell auf – vermeintliche – biologische Ursachen verwiesen. Der Text von Malin Ah-King nimmt auseinander, wie kulturelle Vorstellungen von Geschlecht die Interpretation biologischer Erkenntnisse bestimmen. Hier ein paar Auszüge:

„Die Genderforschung hat sich dafür interessiert, wie Sprache und Metaphern, die die zeitgenössische Kultur widerspiegeln, den For- schungsprozess beeinflussen und welche Wirkung sie auf die Be- trachtung der Natur haben. Hier folgen Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Biologie: Befruchtung, Zellbiologie und Tierverhalten.“

Am Beispiel der Forschung über Bonobos, den Menschenaffen, schreibt sie:

„Die Vorstellungen von der Überlegenheit der Männchen haben einige WissenschaftlerInnen dazu veranlasst, die Weibchen auf- grund ihrer Dominanz über die Männchen als „reizbar“ [irritable], „schwierig“ [troublesome] und „dreist“ [daring] zu beschreiben. Männchen dagegen sind „tolerant“ gegenüber den Weibchen und „gestatten“ diesen die Oberhand, was mit „strategischer männlicher Rücksichtnahme“ [strategic male deference] und „Ritterlichkeit“ [chivalry] erklärt wird (siehe Parish & de Waal 2000). Dieses Beispiel zeigt, dass Auffassungen von der Überlegenheit der Männchen dazu führen, gleiches Verhalten unterschiedlich zu beschreiben, je nachdem, welches Geschlecht das Verhalten an den Tag legt.“

Und weiter: „Wie jedoch oben beschrieben wurde, sind eine gan- ze Reihe von WissenschaftlerInnen nicht bereit, die Aggressivität von Weibchen als Dominanz zu beschreiben. Die Einbeziehung des Bonobo-Beispiels in das Modell für die Lebensweise menschlicher Vorfahren würde den Rahmen unserer Vorstellungen von den ur- sprünglichen Menschen erweitern. Sie würde erlauben, auch von Dominanz und Allianzen von Weibchen und Frauen zu sprechen sowie von freundschaftlichen Kontakten nicht nur innerhalb sozialer Gruppen, sondern auch zwischen Gruppen (Parish & de Waal 2000).“

Zum ganzen Text geht es hier. Weitere Texte und Materialien zu Gender, Feminismus und Sexismus finden Sie auf dieser Seite.

Interessant zu dem Thema auch ein ausführlicher Artikel über Intersexualität in der Onlineausgabe von spektrum.

Neue Seite: „Materialien“

Das Internet bietet viele tolle, frei verfügbare Texte und Materialien zum Thema Gender. Diese tollen Texte versuche ich auf meiner Seite „Materialien“ zusammen zu stellen und thematisch ein wenig zu sortieren.  Bis jetzt gibt es Texte zu „Gender und Berufsorientierung“, „Gender und Schule“, „Sexismus“, „Geschlechtergerechte Sprache“. Vielleicht ist auch für Sie was Hilfreiches dabei?

-> Hier geht es zur Seite MATERIALIEN

Eine gesonderte Seite mit spannenden Blogs über Feminismus und/oder Gender befindet sich noch in Vorbereitung!

Feminismus 2.0: Von der Straße ins Netz und wieder zurück? – Anti-Sexismus Debatte in Lübeck

Im Mai spreche ich bei einer Veranstaltung des Frauennotruf Lübeck, zusammen u.a. mit Charlotte Diehl, die auch an diesem wunderbar leicht verständlichem Paper über psychologische Perspektiven auf die Sexismus-Debatte mitgewirkt hat!

Hier die Veranstaltungsankündigung:

Kurzvorträge und offene Podiumsdiskussion

Donnerstag, 07.05.2015, 19:30 – 22:00 Uhr

Defacto Art, Balauerfohr 31-33, Lübeck

Die Sexismus-Debatte um sexuelle Belästigung und Diskriminierung von Frauen ist in der letzten Zeit durch Social-Media-Kampagnen wie #aufschrei, #ich habe nicht angezeigt und Aktionen von Femen und PinkStinks wieder öffentlich und präsenter geworden. Während früher der Protest von Frauen auf die Straße getragen wurde, werden heute meist andere Aktionsformen gewählt. Wie erleben wir Sexismus im Alltag? Welche Chance gibt es für eine Veränderung? Wie können wir unseren Widerstand gemeinsam sichtbar machen?

Fachfrauen und Feministinnen aus verschiedenen Generationen wagen eine Bestandsaufnahme und laden ein zur Diskussion.

Referentinnen: Charlotte Diehl, Dipl.Psych., wissenschaftl. Mitarbeiterin, Universität Bielefeld; Melanie Trommer, M.A. Gender Studies, mädchenmannschaft, Köln; Lübecker AktivistinnenModeration: Walle Gairing, Dipl. Sozialwissenschaftlerin, Hamburg

Männer in Frauenposen – Yay und Nay

Frauen auf Werbeplakaten sind meistens nackt und verbogen. Auch wenn es sich nicht um Werbung für Sonnenschutzmittel oder Ballettschuhe handelt. Kurz: selten hat die nackte Frau, die sich im Bilde verdreht, etwas mit dem beworbenen Produkt zu tun. Sex sells. Wie absurd diese Tatsache ist, haben im vergangenen Jahr verschiedene Aktionen aufgezeigt: Das Fotoprojekt von Rion Sabean „Men-Ups„, in dem Männer in typischen Plakatposen gezeigt werden, die sonst Frauen einnehmen. Auch wenn diese Männer dabei sittsam angezogen bleiben, zeigt sich hier die Unsinnigkeit im Zusammenhang von Bild und Botschaft.

Mit der Plakatkampagne „Kommt Ihnen etwas seltsam vor?“ machte die Salzburger Watchgroup gegen sexistische Werbung mit viel nackter Männerhaut auf die zur Gewohnheit gewordene Sicht auf Frauenkörper aufmerksam, die durch ihre Plakate irritiert wird.

Wie gesagt, diese beiden Aktionen legen den alltäglichen Sexismus offen, dem Frauenkörper unterworfen sind.

Letztens spülte mir twitter oder facebook eine Foto-Reihe in die Timeline – Männer, die sich wie Frauen fotografieren. Instagram wird als „typisches Frauen-Medium“ oft belächelt und hier „toppen“ Männer das noch, in dem sie sich über weibliche Selbst-Inszenierungen lustig machen.   Im Gegensatz zu den oben genannten Aktionen deckt diese Fotoreihe also nicht Sexismus auf, sondern versucht die „Deutungshoheit über das eigene Bild“ – wie Teresa Bücker schreibt – den Frauen wieder zu entziehen.

Also obacht, wenn Männer in Frauenposen auftauchen, mal ist es yay, mal eher nay.

(Darüber, wie Geschlecht durch Körperhaltungen konstruiert werden, schrieb auch Helga 2012 bei der Mädchenmannschaft)

Bones – Knochen lügen nicht. Rassismus und Sexismus unter der Haut

Dieser Beitrag wurde zuerst bei der mädchenmannschaft veröffentlicht. Über Kommentare freue ich mich allerdings auch an dieser Stelle, sowie über Hinweise auf (unveröffentlichte) Haus- bzw. Abschlussarbeiten zu dem Thema!

Serien waren schon immer mein Laster. Meine Prokrastinationsform Nummer eins. Die Serie Bones faszinierte mich, weil sie mit einer meiner Sehnsüchte spielt: Die Sehnsucht danach, zu WISSEN, wie der Mensch von Grund auf funktioniert, die Sehnsucht nach unhintergehbaren Tatsachen, die Menschen ausmachen. Und dieses Wissen liegt nach Bones in den Knochen.

Dass dabei mit rassistischen und sexistischen – vermeintlichen – Wahrheiten über die „Natürlichkeit“ des Menschen und die Wissenschaft vom Menschen gespielt wird, erschließt sich der_m Betrachter_in oftmals erst auf den zweiten Blick, macht es doch unter dem Deckmantel von „Wissenschaftlichkeit“, „Rationalität“ und „Logik“ jeden Widerspruch zu nichte.

Für diejenigen unter Euch, die mit der Serie nicht vertraut sind ein paar Infos:

Dr. Temperance Brennan ist forensische Anthropologin im (fiktiven aber an das real existierende Smithsonian Institute angelehnte) Jeffersonian Institute in Washington, D.C. und arbeitet bei Kriminalfällen mit dem FBI-Agenten und ausgebildeten Scharfschützen Seeley Booth zusammen. Ihr Spezialgebiet sind dabei die Fälle, in denen vom Opfer nur noch Knochen übrig sind. Anhand der Knochen zieht Brennan, Spitzname „Bones“, Rückschlüsse auf das Opfer, den Mörder und/oder die Tatwaffe und den Mordhergang. Ein Team von weiteren Wissenschaftler_innen unterstützt die beiden dabei.

Auf der einen Seite werden in der Serie Geschlechterstereotype unterwandert und das Team ist durchweg „divers“ – in der ersten Staffel wird das Institut noch von einem Schwarzen Archäologen geleitet, in der zweiten Staffel bekommt Bones noch eine direkte Vorgesetzte – eine Schwarze Gerichtsmedizinerin. Und wie nun kann eine wissenschaftliche Gruppe, die von einer Schwarzen FRAU! geleitet wird, Rassismen und Sexismen re/produzieren?

Dr. Brennan, also Bones, wird als rational und logisch denkend dargestellt. Nur das Zwischenmenschliche ist ihr völlig fremd: „Ich hasse Psychologie. Das ist eine weiche Wissenschaft“ erklärt sie in der ersten Folge der ersten Staffel. Aber natürlich gibt es eine Begründung für Brennans Rationalität: Dadurch, das Temperance als Kind von ihren Eltern verlassen wurde und (bis zur ersten Staffel der Serie) auch nicht weiß, warum und was aus ihnen geworden ist, lehnt sie die menschlichen Beziehungen ab und verlässt sich nur noch auf wissenschaftliche Fakten. Ähnliche Meme gibt es in Computerspielen, wenn es für die kampfeslustigen Frauen stets eine Hintergrundgeschichte gibt, die ihre Brutalität erläutert (meistens steckt dann Rache/Vergeltung als Motiv dahinter).

Anhand der Serie ließe sich viel verdeutlichen, über die „moderne“ Sicht auf die Wissenschaft vom Menschen. Darüber, wie als „wissenschaftlich“ nur das gilt, was mit modernster Technik sichtbar oder begreifbar (im buchstäblichen Sinne) gemacht wird. Wie die Metapher von hart und weich, also von wissenschaftlich/unantastbar mit unwissenschaftlich/schwammig an den „Knochen“ festgemacht wird. Und das, wo selbst die moderne Medizin inzwischen weiß, dass Knochen nicht „hart“ und unveränderlich sind, angefangen beim Wachstum, über ihre Reperaturfähigkeit, Nachgiebigkeit und so weiter und so fort.

An dieser Stelle will ich nur darauf eingehen, wie hier Geschlecht und “Rasse” als „natürlich“ und wissenschaftliche Tatsache dargestellt und im selben Moment ad absurdum geführt werden. (Um es gleich vorweg zu nehmen: Bereits auf einem UNESCO-Workshop stellten Fachwissenschaftler_innen aus dem Bereich Humanbiologie/Anthropologie fest, dass es keinen wissenschaftlichen Grund gebe, den Begriff “Rasse” weiterhin zu verwenden. Wer mehr dazu lesen möchte: siehe Literaturtipp unten)

Nehmen wir der Einfachheit halber direkt die erste Folge der ersten Staffel. In einem See wird eine Leiche gefunden und geborgen. Bones und ihr Assistent kommen mit Booth, dem FBI-Ermittler an den Tatort:

Booth: „Was kannst Du mir sagen?“

Bones: „Nicht viel, sie war eine junge Frau, wahrscheinlich zwischen 18 und 22 (…) Hautfarbe unbekannt“ (…)

Assistent erklärend: „Die Epiphysenfuge zeigt das Alter an, die Form der Beckenknochen das Geschlecht“

Später wird Angela, eine Teamkollegin, ein 3D-Modell des Opfers darstellen. Mit einem B.A. in bildender Kunst und Informatik hat sie die Fähigkeit, sowohl „Phantombilder“ der Opfer zu zeichnen, als auch ein Programm entwickelt, dass die 3D-Darstellung von Personen anhand der von Bones weitergegebenen Informationen ermöglicht. Das Programm kann auch ganze Tathergänge nachstellen, aber soweit nur, damit ihr Euch folgenden Dialog besser vorstellen könnt:

Angela präsentiert das Opfer als Hologramm: „Ihr Schädel war schwer zerstört. AberRassemerkmale, Größe der Wangenknochen, Nasenbogen, Größe des Hinterkopfs, alles spricht für eine Afro-Amerikanerin.“

Man braucht hier noch nicht mal Kenntnisse über den Aufbau menschlicher Knochen oder bekannter Rassentheorien, um zu merken, dass „Afroamerikanerin“ ein Konstrukt ist, das historisch gewachsen ist und Vorstellungen von (als natürlich gedachter) “Rasse” und Migrationsgeschichten vermischt. Afroamerikanisch meint: Menschen mit schwarzer Hautfarbe, die in US-Amerika leben* (*Den Komplex der darüberhinaus geht, lass ich an dieser Stelle weg). Wie man das an Knochen erkennen soll? (Und erinnern wir uns an den Satz weiter oben: „Hautfarbe unbekannt“ – Hautfarbe reicht hiernach bis auf die Knochen)

Aber es wird noch absurder:

Bones: „Angela, lass das Programm noch mal durchlaufen und nimm die Parameter einer weißen Frau.“ (scheint immer noch unzufrieden mit dem Ergebnis) „Splitte es auf, gemischte Merkmale.“

Angela: „Lenny Kravitz oder Vanessa Williams?“

Bones: „Ich weiß nicht, was das bedeutet.“

Offensichtlich lassen die „Rassemerkmale, Größe der Wangenknochen…“ doch keinen eindeutigen Rückschluss zu. Bones lässt Angela die „Parameter einer weißen Frau“ eingeben, ohne das ersichtlich wird, welche ‚Parameter’ das genau sind, ist offenbar immer noch unzufrieden (sprechen die Knochen wohl doch keine so genaue Sprache?) und bittet um „gemischte Merkmale“. Auch diese Angabe ist zumindest Angela nicht eindeutig genug, so dass sie zurückfragen muss, ob eher so Lenny Kravitz-gemischt oder Vanessa Williams-gemischt. Mit dem Standardsatz von Bones, „Ich weiß nicht, was das bedeutet“ macht sie deutlich, dass sie von der Existenz dieser Prominenten keine Ahnung hat.

Und an dieser Stelle kann man sich immer noch, ohne vorhandene Kenntnisse vom Aufbau des menschlichen Skeletts folgende Fragen stellen:

– Wie konnten die deutschen Übersetzer_innen dieser Serie so unsensibel eins zu eins Begrifflichkeiten verwenden, die bereits bei der „Judenvermessung“ im dritten Reich verwendet wurde, diese mitbegründet hat? (Aber auch für andere Gruppen verwendet wurde). Ab wann ist eine Schwarze schwarz – hier wird mit der weißen „Angst“ gespielt, dass phänotypisch angeblich stets

die schwarze Hautfarbe weiter gegeben wird (und nicht nur die Hautfarbe, wenn wir uns die dazugehörigen Metaphern angucken) . Die Angst des weißen Mannes vor der Ausrottung der eigenen, weißen „Rasse“.

– Wieso werden hier als biologisch gedachte Rassetypologien mit sozialhistorisch belegten Vorstellungen von Herkunft vermischt?

– Wieso macht selbst die rationale Bones „Fehler“ bei der Deutung der Knochen (“weiße Parameter”, “gemischte Merkmale”)

– und kann dann noch auf die Frage von Booth „Wie hast Du sie (die Leiche) erkannt, bevor Du wusstest, wie ihr Gesicht aussieht?“ mit „Ich hab die grundlegende Struktur ihrer Gesichtszüge erkannt, der Rest ist nur Dekoration“ antworten?

Und wenn man sich mit der Geschichte der Rassentypologien und Rassenhygiene, der „Humanbiologie“ beschäftigt, bleiben weitere Fragen offen:

– Nach Vermessung von Knochen und Schädeln, Körperformen und was es nicht alles noch gibt, gab es unter der (natur)wissenschaftlichen Community keine allgemein anerkannte Rassedefinition. Die Anzahl der vermeintlichen sich biologisch unterscheidenden “Rassen” schwankte je nach Autor_in zwischen drei und 300. Immer wieder wurde die Existenz voneinander abgrenzbarer “Rassen” angezweifelt und inzwischen ist Common Sense, dass der “Rasse”begriff nicht taugt oder anwendbar ist.

– Sogar „Hautfarbe“, ein scheinbar offenSICHTLICHES Merkmal erscheint erst mit der europäischen Aufklärung als sichtbares Unterscheidungsmerkmal, vorher gab es keine Weissen, Schwarzen, Gelben oder Roten Menschen(gruppen).

– Die Variationsbreite innerhalb der, tja, mit welchem Euphemismus beglücke ich euch jetzt – jeweiligen „Populationsgruppe“, „geografischen Bevölkerungsgruppe“, „Gruppe gemeinsamer Abstammung“ ist bei allen untersuchten Werten größer, als zwischen verschiedenen Gruppen. Gleiches gilt für Geschlecht. Oder auch: Es könnte sein, dass Männer* im Mittelwert größer sind als Frauen. Dennoch gibt es sowohl Frauen die 1,40 groß sind und solche, die größer sind als 1,80. Über das Individuum sagen sämtliche Versuche, Typologien zu erstellen, also verdammt wenig aus.

Aber Unsicherheiten, Forschungslücken, Kontexte – das wird natürlich dem „roten Faden“ einer Geschichte untergeordnet. So prägt sich Halbwissen bis Bullshit über vermeintliche Typologien von Menschengruppen (Achtung: Euphemismus!) in die Hirne der Zuschauer_innen und wird nie aufgeräumt.

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Lesetipp: AG gegen Rassenkunde (Hg) 1998: Deine Knochen – Deine Wirklichkeit. Texte gegen rassistische und sexistische Kontinuität in der Humanbiologie. Unrast

Kommentierte Links: Deine Mudda & die Mär der verkrampften Emanze

Heute erreichten mich zwei Meldungen, die mir Bauchweh bereiteten. Ich schildere Euch meine Bedenken und freue mich über Kommentare & Austausch:

Die frauTV-Moderatorin Lisa Ortgies erhielt den Luise-Büchner-Preis für Journalistik. Zitat aus der Laudatio von Bascha Mika dazu:

„Bascha Mika, die erste Luise-Büchner-Preisträgerin 2012, bescheinigt Ortgies in ihrer Laudatio eben jenen Mut, mit dem sie die versteckten Feindbilder aufdecke und sich gegen das abschreckende Image „der Feministin“ wehre, der jeder „journalistische Humor und Sexappeal“ abgehe. Weder hülle sich Ortgies in Säcke, noch tauge sie für Entschuldigungen wie: „Ich bin zwar keine Feministin, aber…“. Lisa Ortgies setze sich klar für einen „modernen“ und „unverkrampften“ Feminismus ein, so die Begründung der Jury, die Agnes Schmidt als Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft vortrug.“

Ich habe die – für mich – bemerkenswerten Formulierungen hervorgehoben. Bemerkenswert, dass 2014 immernoch eine Abkehr vom (von wem aufrecht erhaltenden?) Image der spaßfreien Feministin betont werden muss. Sich täglich mit gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Unterdrückung und Sexismus auseinandersetzen MACHT DOCH SCHLIESSLICH SPASS! Und dabei möge die moderne Feministin doch bitte gut aussehen oder sich wenigstens gut kleiden, denn was ist Feminismus schon wert, wenn er nicht für den männlichen Blick taugt? So, Schluss mit dem Sarkasmus, weiter zum nächsten Link:

Mädchen & Frauen, die im Internet unterwegs sind, dort aktiv schreiben, kommentieren und sich mit Netzkultur auseinander setzen, sind regelmäßig Zielscheibe von sexistischer Gewalt bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Eine junge Journalistin wehrte sich gegen solche Drohungen indem sie sich – an die Mütter der – meist pubertierenden – Angreifer wendet. Vorweg: Niemand sollte mit solchen verbalen Angriffen alleine bleiben müssen (ich gebe die Formulierung nicht wieder, wenn es Eine_n interessiert, klickt einfach auf den Link ↑). Ich bin durchaus dafür, solche Hier in Deutschland gibt es die Kampagne hatr.org, auf denen die schlimmsten (Blog-)Kommentare oder tweets veröffentlicht werden. Der Gedanke, solche Übergriffe publik zu machen, Personen, die so etwas zu schreiben öffentlich an den Pranger zu stellen, finde ich unterstützenswert. Warum aber grade speziell die Mütter anschreiben? Klar, würden meine Söhne solchen Bockmist verzapfen, würde ich das wissen wollen. Alanah Pearce, besagte Journalistin, hat relativ einfach via facebook die verwandtschaftlichen Beziehungen herausgefunden, warum hat sie sich nicht an die Väter gewandt? Oder die Lehrer_innen? Ich kann nur Vermutungen anstellen und ich befürchte, die wenigsten Väter würden angemessen auf diese Information reagieren. Aber so wird hier wieder eine stereotype Rollenverteilung reproduziert*, die Mütter als die naturgegeben Verantwortlichen für das miese Verhalten ihrer Kinder in die Pflicht nimmt. Ich vermute, den angeschriebenen Müttern war die Information wesentlich peinlicher als ihren Söhnen.

 

Gelesen: Laurie Penny – Fleischmarkt

In ihrem Buch „Fleischmarkt“ von 2012 analysiert Penny Strategien, mit denen Frauenkörper im Kapitalismus entmachtet und kontrolliert werden. Das macht sie anhand der Konsumindustrie, Sex/Arbeit, Hausarbeit und am Thema Hungern/Raumeinnahme fest. Anschaulich zeigt sie auf, warum das Patriarchat es nötig hat, mit diesen Strategien Frauen zu unterdrücken. Mal mehr, mal weniger pointiert lässt sich ihre Schreibe so gut lesen und ihre Thesen nachvollziehen.

Man merkt, dass sie insbesondere von der 2. Frauenbewegung in den USA und GB inspiriert wurde. Insgesamt ist ihr Blick auf die Möglichkeiten, die Frauen bleiben um diesen Strategien zu entkommen, sehr pessimistisch. Groß schreibt sie:

„Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen“ (9)

Klingt gut, ist aber zunächst utopisch. Verweigern sich Frauen als Einzelne der Körpernormierung und Schönheitsidealen, werden sie ausgeschlossen, diffamiert und gewalttätig daran erinnert, nichts wert zu sein.

Vermutlich kann man von einem so dünnen Buch nicht erwarten, dass es Alternativen aufzeigt. Aber Penny hätte wenigstens auf die Subversionen, Spielarten, Bricolagen und Camp in Zeiten des Postfeminismus hinweisen können, die Frauen helfen, sich gegen diese Strategien zu wehren.

Gender in der Berufsorientierung

Immer noch wollen die meisten Jugendlichen einen „geschlechtsspezifischen“ Beruf wählen. Mädchen gerne etwas aus dem Bereich Büro oder Gesundheit, Jungen tendieren (abhängig vom Schulabschluss) vor allem zu handwerklichen Berufen. Warum ist das so? Eigentlich erstaunlich, dass sich diese Frage immer noch stellt, wo doch bereits Neugeborene von Geburt an unterschiedlich betrachtet werden: Mädchen werden für kleiner und leichter gehalten als sie sind und als gleich große und schwere Jungen. Und zwar von den eigenen Eltern. Da soll geschlechtsspezifische Vorstellungen keinen Einfluss auf die elterliche Erziehung haben?

Was bestimmt das Geschlecht?

Inzwischen sind sich nicht mal mehr Biolog_innen und Mediziner_innen sich, was überhaupt „Geschlcht“ ausmacht und wie die vorgeburtlichen Prozesse ablaufen, damit man beim Anblick des oder der Neugeborenen sagen kann: „Es ist ein Junge!“ oder „Es ist ein Mädchen!“ Neben den primären sichtbaren Geschlechtsorganen wird nämlich erst mal nichts weiter „überprüft“. Ein Junge ist ein Junge, wenn er einen Penis und Hoden hat. Punkt. Neben diesen Merkmalen, die – je nach Quelle – bei etwa einem von 1000 Neugeborenen uneindeutig sind, gibt es weitere Kriterien, an denen in den Naturwissenschaften „Geschlecht“ fest gemacht wird: Chromosomen, Keimdrüsen und Hormone. Die Spannweite dessen, was sich bei beiden Geschlechtern überschneidet, ist größer, als die Unterschiede und varriert innerhalb der Geschlechtergruppen mehr, als die statistischen Mittelwerte zwischen beiden Gruppen. Von einem „naturgegebenen“ Geschlecht zu sprechen, dass sich deutlich von einem anderen unterscheidet trauen sich aufgeklärte Biolog_innen heute nicht mehr.

Der Einfluss von Geschlecht auf die mathematischen Fähigkeiten

Definitiv kann die Biologie von keinen Genen berichten, auf denen die Fähigkeit liegt, Autos zu reparieren oder Haare zu färben. Welchen Einfluss hat dann die Gesellschaft? Es gibt T-Shirts, auf denen „In Mathe bin ich deko“ zu lesen ist. In Größe 98 (etwa für zweijährige!). Welche Botschaft wird damit grade Mädchen vermittelt? Lehrkräfte, Eltern und auch andere Kinder & Jugendliche halten Jungen von Beginn ihrer Schullaufbahn für mathematisch begabter als Mädchen. Das führt nicht nur zu größerem Interesse an Zahlen und Formeln, sondern auch zu größerer Motivation und höherem Selbstvertrauen, sich damit zu beschäftigen. Bereits in der dritten Klasse äußern Mädchen verstärkt Ängste in MINT-Bereichen und Lehrkräfte trauen ihnen weniger zu. Fehlleistungen in diesen Bereichen werden bei Mädchen eher auf persönliches Unvermögen, bei Jungen auf äußerliche Faktoren wie „Pech“ oder maximal Faulheit. Außerdem müssen Jungen nicht damit rechnen, als „Mathestreber“ ausgegrenzt zu werden.

Die Vorurteile im Lehrkörper sind sogar noch stärker als die der Schüler_innen. Sie beurteilen Jungen als kreativer und Mädchen als fleißiger. Mangelnde Leistungen werden bei Mädchen mit intellektuellen Mängeln begründet und fördern damit geschlechtsspezifische Selbstbilder.

Was sind die Ziele einer gendersensiblen Berufsorientierung?

  • Eine Berufsorientierung, die gendersensibel gestaltet ist hilft dabei, individuelle Fähigkeiten von Jugendlichen zu erkennen und anzuerkennen, jenseits von gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen
  • Eine gendersensible Berufsorientierung macht Rollenbilder transparent und bricht sie auf
  • Eine gendersensible Berufsorientierung erweitert das Berufswahlsprektum und zeigt auf, was möglich sein könnte

In allen Institutionen, die sich mit der jugendlichen Bildung beschäftigen, ist es nötig, dass das dort tätige Personal über die geschlechtsspezifischen Sozialisationsfaktoren weiß, um ihnen entgegenwirken zu können. Darum ist es mir ein persönliches Anliegen, in Kindergärten und Schulen Workshops und Seminare anzubieten, die genau hier ansetzen.

Bei Interesse schicken Sie mir eine Mail an: melanietrommer@gmail.com